Ein Viertel, das vom Handwerk lebt
Wer über den Ponte Vecchio nach Süden geht, betritt das Oltrarno, wörtlich „jenseits des Arno“. Hier liegen der Palazzo Pitti und die Boboli-Gärten, aber auch die Viertel Santo Spirito, San Frediano und San Niccolò, in deren Gassen seit Jahrhunderten gearbeitet wird. Das offizielle italienische Tourismusportal nennt für Santo Spirito und San Frediano Goldschmiede, Graveure, Buchbinder, Intarsienmacher, Glaskünstler und Lederhandwerker. Das Tourismusportal der Region Toskana ergänzt Vergolder, Silberziseleure, Keramiker und Holzschnitzer und nennt die Via Maggio als Straße der Antiquitätenhändler.
Anders als in den Ladenstraßen rund um den Dom sehen Sie hier oft die Werkbank hinter dem Verkaufstresen. Genau das macht den Reiz aus, und es verpflichtet: Wer hier eintritt, betritt einen Arbeitsplatz. Der Lohn ist ein Florenz, das in keinem Museum hängt, sondern jeden Tag neu entsteht.
Start am südlichen Ende der Brücke. Links geht es in die Via de' Bardi, wo die Werkstatt Il Torchio seit 1980 Notizbücher, Fotoalben und Bücher fertigt, auch nach Maß.
An der Piazza Pitti gründete Pietro Giannini 1856 die Buchbinderei Giulio Giannini e Figlio, die heute Workshops zum Marmorieren von Papier anbietet. Das Museum im Palazzo Pitti besuchen Sie am besten morgens und die Werkstätten am Nachmittag, oder umgekehrt.
In der Via dei Velluti, wenige Schritte von der Piazza Pitti, bietet die Kochschule In Tavola Kurse für Pasta, ganze Menüs sowie Pizza und Gelato. So lässt sich der Spaziergang mit einem Kochkurs verbinden.
Über die Via Maggio mit ihren Antiquitätenhändlern kommen Sie zum Platz mit der Basilika. In Santo Spirito vergolden Werkstätten Rahmen und Möbel.
Durch die Via Santo Spirito und den Borgo San Frediano geht es zu diesem Tor der alten Stadtmauer. Im Viertel San Frediano, in der Via Lorenzo Bartolini, entstehen im Antico Setificio Fiorentino an alten Webstühlen Seidendamaste und Brokate.
Eine bekannte Adresse für Leder, auf der anderen Arno-Seite bei Santa Croce.
Die Gewerke: was Sie im Oltrarno finden
- Vergoldung: In Santo Spirito vergolden Werkstätten Rahmen und Möbel nach einer Technik, die das regionale Tourismusportal bis ins 15. Jahrhundert zurückführt. Rahmen werden geschnitzt, grundiert und mit hauchdünnem Blattgold belegt.
- Buchbinderei und marmoriertes Papier: Die Florentiner Buchbinderei arbeitet mit Leder, Leinen und handmarmoriertem Papier. Dafür werden Farben auf einem Bad zu Mustern gezogen und auf das Blatt übertragen, kein Bogen gleicht dem anderen.
- Gold- und Silberschmiede: Steine fassen, gravieren, Silber ziselieren und Metall im Wachsausschmelzverfahren gießen, alles in Handarbeit.
- Intarsien und Holzschnitzerei: Einlegearbeiten in Holz und geschnitzte Rahmen gehören zu den Gewerken, die das Viertel geprägt haben.
- Schuhe und Leder: Maßschuhmacher und Lederwerkstätten fertigen auf Bestellung.
- Seide: In San Frediano laufen noch historische Webstühle, mehr dazu im nächsten Abschnitt.

Drei Werkstätten mit Geschichte
Giulio Giannini e Figlio wurde laut eigener Darstellung 1856 von Pietro Giannini an der Piazza Pitti gegründet. Der Betrieb ist auf künstlerische Buchbinderei und handdekoriertes Papier spezialisiert und bietet auf seiner Website Workshops an, von einer Besichtigung mit Vorführung des Marmorierens bis zu Kursen, in denen Sie marmoriertes Papier herstellen und ein kleines Buch binden.
Il Torchio in der Via de' Bardi, nahe dem Ponte Vecchio, führt die Florentiner Buchbindertradition seit 1980 fort. Die Werkstatt arbeitet laut eigener Website mit Florentiner Leder, handmarmorierten Papieren und farbigen Leinenstoffen und fertigt Notizbücher, Fotoalben und Bücher, auch nach Maß.
Das Antico Setificio Fiorentino in der Via Lorenzo Bartolini im Viertel San Frediano führt seine Geschichte bis 1786 zurück. An alten Webstühlen entstehen Seidendamaste, Brokate und Lampasse nach Mustern aus dem eigenen Archiv. Zum Bestand gehört laut Setificio eine Schärmaschine aus dem 18. Jahrhundert, gebaut nach einem Entwurf Leonardo da Vincis. Der Betrieb liefert unter anderem an Innenarchitekten in aller Welt; ob und wann Besucher hineinschauen können, klären Sie vorab per E-Mail.

Respektvoll zu Besuch: so verhalten Sie sich
- Grüßen und fragen: Ein „Buongiorno“ beim Eintreten und die Frage, ob Sie sich umsehen dürfen, öffnen mehr Türen als jeder Reiseführer.
- Fotos nur mit Erlaubnis: Werkbänke, Werkzeuge und halbfertige Stücke sind Arbeitsmaterial, manchmal Aufträge für Kunden. Fragen Sie, bevor Sie fotografieren.
- Nicht anfassen: Berühren Sie nur, was erkennbar zum Verkauf ausliegt, und nichts auf der Werkbank.
- Kleine Gruppen: Kommen Sie zu zweit oder zu dritt. Viele Werkstätten sind so klein, dass fünf Besucher den Raum füllen.
- Wertschätzen statt feilschen: Handarbeit hat ihren Preis. Wenn Sie nichts kaufen, danken Sie für die Zeit.
- Kurse buchen: Wer mehr erfahren möchte, bucht eine Vorführung oder einen Kurs. So wird die Zeit der Handwerker bezahlt.
- Arbeitszeiten achten: Kleine Betriebe schließen häufig über Mittag. Kommen Sie am Vormittag oder am späten Nachmittag und nehmen Sie es gelassen, wenn eine Tür einmal zu ist.
Was Sie mitnehmen, sollte in den Koffer passen und von hier stammen. Ein Notizbuch mit marmoriertem Einband, ein Bogen Marmorpapier zum Einrahmen oder ein Lesezeichen aus Leder sind leicht und typisch für das Viertel. Bei Maßanfertigungen wie Schuhen, Rahmen oder gebundenen Büchern fragen Sie nach Lieferzeit und Versand, denn gute Arbeit braucht Wochen. Lassen Sie sich erklären, wie ein Stück entsteht: Die meisten Handwerker erzählen gern von ihrer Arbeit, wenn sie merken, dass Sie sich wirklich dafür interessieren. Wer Leder sucht, findet eine bekannte Adresse auf der anderen Arno-Seite, die Scuola del Cuoio bei Santa Croce.
Ein Spaziergang durch das Viertel
Ein Rundgang dauert ohne Kurs zwei bis drei Stunden. Beginnen Sie am südlichen Ende des Ponte Vecchio und biegen Sie links in die Via de' Bardi ein. Zurück an der Brücke führt der Weg über die Via Guicciardini zur Piazza Pitti und weiter über die Via Maggio mit ihren Antiquitätenhändlern zur Piazza Santo Spirito mit der Basilika. Von dort geht es durch die Via Santo Spirito und den Borgo San Frediano bis zur Porta San Frediano, einem Tor der alten Stadtmauer.
Wer den Spaziergang mit einem Kochkurs verbinden will, findet in der Via dei Velluti, wenige Schritte von der Piazza Pitti, die Kochschule In Tavola mit Kursen für Pasta, ganze Menüs sowie Pizza und Gelato. Einen Überblick über Keramik, Papier und Leder in ganz Italien gibt der Beitrag Italienisches Handwerk entdecken.
Planung: Tage, Tageszeit, Kombination
Für Werkstattbesuche eignen sich Werktage, an denen die Betriebe arbeiten; sonntags sind viele geschlossen. Verbinden Sie das Viertel mit einem Museumsbesuch im Palazzo Pitti, am besten das Museum am Morgen und die Werkstätten am Nachmittag oder umgekehrt. Im April und Mai findet in Florenz außerdem die internationale Handwerksmesse MIDA statt, die einen breiten Querschnitt zeigt.
Das historische Zentrum von Florenz steht seit 1982 auf der Welterbeliste der UNESCO, und das Oltrarno mit dem Palazzo Pitti gehört dazu. Wer Florenz in eine Rundreise einbettet, plant für das Viertel einen halben Tag ein, wie es die Route Toskana in sieben Tagen vorschlägt. Wie Sie in einer italienischen Bar richtig bestellen, wenn Sie zwischendurch einen Espresso brauchen, erklärt der Beitrag Caffè in Italien.





